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Ein Tag wie jeder andere (20.07.04) |
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Na, heute schon Taschenkontrolle gemacht, wenn Besuch da war? Angesichts des Reklametaumels um die Attentäter des 20. Juli wäre dies ja unseres Erachtens eine wunderschöne Geste, um an den Grafen Stauffenberg und an seine in einer Aktentasche versteckte Bombe zu erinnern, die dieser seinerzeit in der typischen Art eines Mafioso neben die Füße gestellt hatte, um sich dann selber in Sicherheit zu bringen. Seit Tagen überschlagen sich die bundesdeutschen Medien förmlich darin, ihrem Publikum die Akteure des 20. Juli 1944 als Helden zu verkaufen und die politische Equipe der Nation, einschließlich der Geistlichkeit, geht darin wacker voran. Was soll man dazu nur sagen. Ein politisches Establishment das den Landesverrat auf solche Weise verherrlicht handelt nämlich nicht nur "politisch korrekt", sondern auch ziemlich dumm, ruft es dadurch doch förmlich dazu auf, es auf dieselbe Art und Weise zu beseitigen, wenn es auf demokratischem Wege nicht geht.
Doch davon will man höherer Stelle natürlich nichts wissen. In Staatsakten feiert man die Attentäter und bei der Gelegenheit auch gleich die eigene Dummheit. Das ist selbst dem Linksblatt JUNGE WELT zuviel. Überaus berechtigt fragt sie heute danach, in welche Schublade man denn heute einen lebenden Stauffenberg stecken würde, handelte er heute ebenso wie damals: “... Vor dem aktuellen Hintergrund des von der derzeitigen Weltführungsmacht ausgerufenen »Kampfes gegen den Terror« wirft das ganze Getue allerdings auch die Frage auf, in welche Schublade die Stauffenberg und Co. denn nun eigentlich gehören. Immerhin hat der Protagonist seinerzeit kaum etwas anderes getan als heute die von George W. Bush und Co. weltweit gejagten »Terroristen«. Schließlich wollte der Graf sich an einem bürgerlich-demokratisch legitimierten Staatsoberhaupt vergreifen. Oder schon vergessen? Der vom Volk gewählte Reichspräsident Paul von Hindenburg hatte 1933 kraft seines Verfassungsamtes den Chef der Nazipartei zum Reichskanzler ernannt. Und dieser ließ sich im Jahr darauf in einer Volksabstimmung als »Führer und Reichskanzler« bestätigen: Am 19. August 1934 votierten – bei einer Beteiligung von über 95 Prozent der Stimmberechtigten – mehr als 38 Millionen gleich 89,93 Prozent für Hitler; lediglich 4,3 Millionen sagten nein, und 874 000 stimmten ungültig. Die Ja-Sager blieben auch danach in der Mehrzahl, und so bleibt die Stauffenberg-Frage unbeantwortet: Terrorist oder Held?“ Bliebe noch hinzu zufügen, daß die Masse der Nation den Attentäter und seine Gesinnungsgenossen in ihrer überwiegenden Mehrheit nie als Held gesehen hat, sondern eher als unglücklichen Vertreter einer Gruppe von politischen Vabanquespielern, die durch Hitler alles geworden sind und nun durch einen feigen Anschlag versuchten, ihre Pfründe zu retten. Wenn Umfrageergebnissen zufolge sich die heutige Mehrheit der Deutschen angeblich anders über diesen Sachverhalt äußert, so liegt das nicht daran, daß die Tatsachen sich inzwischen geändert hätten, sondern daran, daß der Bildungsstand der heutigen Generationen zunehmend im Zeichen von PISA steht. Doch sollte man wirklich etwas auf den historischen Sachverstand einer Mehrheit geben, die im gleichen Atemzug einen Mann wie Adenauer zum größen Deutschen aller Zeiten gekürt hat und Typen wie Dieter Bohlen und Daniel Küblböck direkt neben Mozart und Beethoven stellt? Wohl eher nicht. Die gegenwärtige Popularität der Hitler-Attentäter ist nichts weiter als eine künstlich inszenierte Propagandaschau. Bei näherem Betrachten zeigen sich die „Helden“ eher als ziemlich bornierte und unfähige Gruppe von Möchtegernpolitikern, denen es zwar auf dem Papier und am grünen Tisch gelang, große Reden zu schwingen, die aber bei der ersten Bewährungsprobe kläglich versagten. Auch daß in diesen Tagen oftmals propagierte Heldentum der gefangenen Hilfsattentäter vor dem Volksgerichtshof verliert merklich an Glanz, wenn man sich die Akten des Volksgerichtshofes als Ganzes zur Hand nimmt und studiert. Von wenigen Ausnahmen mal abgesehen bemühten sich die meisten doch ihre Rolle beim Attentat möglichst zu kaschieren und zu verringern. Beispielgebend dafür ist besonders Goerdeler, der von den Putschisten als neuer Reichskanzler vorgesehen war. Nicht genug damit, daß er nach seiner Verhaftung erklärte, daß das Attentat ihm bewiesen habe, daß Hitler tatsächlich ein Mann ist, der von der Vorsehung geschützt ist. Gemeinsam mit einigen anderen ehemaligen Mitverschwörern diente er sich dem Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, sogar als Helfer für angebliche Friedensvermittlungsgespräche an. Immerhin gelang es ihnen dadurch ihr Leben sogar um einige Monate zu verlängern. Von echten Revolutionären hätte man wohl eher erwartet, daß sie derartige erbärmliche Hiwi-Dienste selbst im Angesicht des Todes verleugnet hätten. Doch deutsche Antifaschisten sind halt ganz was besonderes, jedenfalls wenn sie aus den besseren Kreisen stammen. Kommunisten haben sich in solchen Fällen meist wesentlich ehrenhafter benommen. Richtungsweisend für die Charakterisierung der Verschwörer sind daher unseres Erachtens nicht einzelne Aussagen eines Peter Yorck von Wartenburg (1904-1944), der von den bundesdeutschen Medien zuweilen besonders als Held vor dem Volksgerichtshof herausgestellt wird, sondern eher die des Hauptmanns Karl Klausing (1920-1944), der über den Putsch resümierend und dabei resigniert auf seine Mitangeklagten blickend, gegenüber Freisler im Prozeß vom 7. August 1944 sagte: „Wenn ich rückblickend die Sache betrachte und mir rückblickend die Leute vor Augen führe, die beteiligt waren, muß ich sagen, daß es nicht gehen konnte und im Effekt auch nicht gut gewesen wäre.“ – Dem ist wohl wahrlich nicht zu widersprechen.
Stauffenberg-Vergottung in der Bundesrepublik Natürlich könnten wir uns jetzt noch lang und breit über die Geschichte des Putsches und die Rolle von Stauffenberg & Co. verbreiten, doch ist dafür hier weder der Ort noch ausreichend Raum. Darüber hinaus dürfte für die meisten unserer Leser das Bild dieser Gesellschaft auch so bereits ausreichend klar genug sein. Doch wollen wir unsere Bemerkungen zum 20. Juli nicht schließen, ohne noch kurz auf die Rolle der Kirche eingegangen sein.
Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der EKD So feierte der Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Wolfgang Huber am 18. Juli die Hitlerattentäter in einem eigens für sie inszenierten Gedenkgottesdienst im Berliner Dom. Dabei psalmodierte Huber u.a., daß ihr Vorbild auch heute noch weiter wirke* und daß man den „Aufstand“ für die Würde des Menschen geführt habe. Wörtlich erklärte Huber, der mit seinen Bemerkungen nicht nur die bekannten „Frauen und Männer des 20. Juli“ preisen wollte, sondern auch jene Ungenannten**, „deren Wirken in keinem Geschichtsbuch festgehalten sei“: „Wo Untätigkeit zur Mitschuld würde, entsteht eine ethische Pflicht zum Widerstand." – Ein interessantes Wort, dem wir nur aus vollem Herzen beipflichten können. * In der Tat, so ist es. Allerdings wirkt das Vorbild Stauffenbergs heute offenbar weniger in Deutschland, dafür aber umso mehr bei Organisationen wie HAMAS oder Al Kaida. **Möglicherweise ja deshalb weil ihnen ihr antifaschistischer Widerstand ja erst nach dem Krieg eingefallen ist. Keine Seltenheit bei deutschen Antifaschisten. Natürlich sorgte sich Huber darum, daß seine Worte nicht missverstanden werden, so zog er nach dem offiziellen Bericht der Evangelischen Kirche über den Gottesdienst im Berliner Dom „eine klare Trennlinie zwischen dem "Widerstand um der Menschenwürde willen" und dem "selbsternannten Märtyrertum, das uns fragen lässt: Für welche Werte darf ein Mensch sein Leben opfern?" Für Christen sei die Erinnerung an den stellvertretenden Tod Christi keinerlei Anhalt dafür, das eigene Leben oder das Leben anderer gering zu schätzen. "Welten liegen zwischen dieser Gemeinschaft mit Christus und einem religiösen Fanatismus, der die eigene Erlösung durch Mord erreichen will, den Mord an sich selbst eingeschlossen." – Ja, das ist der feine Unterschied. Widerstand ja, aber natürlich nur in der Vergangenheit. Die Stauffenbergschen Methoden gegen tatsächliche Unrechtspolitiker anzuwenden ist natürlich unchristlich und das eigene Leben dabei einzusetzen noch viel mehr. Flüchtig erwähnte Huber übrigens auch, daß Gesellschaft und Kirche sich lange schwer getan haben, daß Planen der „Frauen und Männer des 20. Juli“ (Frauen spielten in den Vorgängen am und um den 20. Juli übrigens kaum eine tragende Rolle, wenn Huber sie in diesem Zusammenhang an erster Stelle, so zeugt das lediglich vom Versuch sich in der Öffentlichkeit möglichst politisch korrekt auszudrücken, nicht aber von historischer Kenntnis der Faktenlage. – Die Schriftleitung) zu würdigen. Huber vergisst dabei, daß sich gerade seine eigene Kirche damit nicht nur schwer getan hat, sondern auch am lautesten dem Führer Glückwünsche für seine wundersame Errettung dargebracht hatte. Dazu zwei Zeitzeugnisse aus dem Sommer 1944: So erschien im Kirchlichen Amtblatt der Kirchenprovinz Pommern am 29. Juli 1944 beispielsweise folgendes Telegramm: "Telegramm – An den Führer des Großdeutschen Reiches, Führerhauptquartier Mit Dank gegen Gott für die gnädige Errettung grüßt den Führer mit dem Gelöbnis hingebenden Einsatzes und weiterer treuer Fürbitte in dieser entscheidenden Stunde des Krieges" Die Pommersche Evangelische Kirche gez. D. Wahn Stettin, den 21. Juli 1944 Einen drauf setzte dann die Kirchliche Rundschau für das Gesamtgebiet der Deutschen Evangelischen Kirche „Das Evangelische Deutschland“ am 30. Juli: “Mit Empörung und Abscheu wendet sich das deutsche Volk von der Tat des 20. Juli ab, die in einer Stunde, die das Äußerste an Geschlossenheit fordert es unternahm, mit Mitteln des Mordes und des Verrats das Reich in Wirren unabsehbaren Ausmaßes zu stürzen. Aus tiefem Herzen danken wir dem Allmächtigen für die Errettung des Führers und bitten ihn, Er möge ihn weiterhin in seinen Schutz nehmen. Mit dieser Bitte soll sich das Gelöbnis neuer Treue und der Entschluß verbinden, uns ernster noch als zuvor de unerbittlichen Forderung der Zeit zu unterwerfen, für die der Führer rastlos sein Alles einsetzt. – Die Deutsche Evangelische Kirchenkanzlei und der Geistliche Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche haben nach dem Anschlag auf das Leben des Führers in Treuetelegrammen an ihn den Dank gegen Gott für die gnädige Bewahrung Ausdruck verliehen. Zugleich wurde dabei vom geistlichen Vertrauensrat zur Kenntnis gebracht, daß am Sonntag nach dem Mordanschlag allgemein in den evangelischen Gottesdiensten des Reiches fürbittend des Führers gedacht worden ist.“ Und nun – nach 60 Jahren – die totale Kehrtwende und man feiert jene, die man hier noch so offen verdammt hatte, als Helden und Kämpfer für die Menschenwürde. Gibt es eigentlich noch etwas, was erbärmlicher ist, als politisierendes Pfaffentum, daß sich in jede Zeit zu finden weiß? In seiner Predigt betonte Huber außerdem noch „unsere“ Verantwortung für die Welt, wobei er meinte, besonders an die „Opfer von Unfrieden und Hungersnot im Sudan“ denken zu müssen. Offenbar genügt es dem würdigen Geistlichen nicht, daß die Bundeswehr schon jetzt die Bundesrepublik am Hindukusch verteidigt. Wäre es daher so verdammenswert, wenn man ihm wünschte, daß irgend eines schönen Tages neben seiner Kanzel auch so eine Aktentasche á la Stauffenberg abgestellt würde? Schwer auf eine solche Frage eine Antwort zu finden, die anders als Ja lautet. |
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| Quelle: Störtebeker-Netz |
20.07.2004 |
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