Zum 60. Jahrestag des Bombardements von Dresden

„Die Nacht des Gemetzels“
Neues über den Luftangriff auf Dresden im Februar 1945


Über keinen Luftangriff auf deutsche Städte wurde bisher so viel geschrieben wie über jenen vom 13. auf den 14. Februar 1945 auf Dresden. Komplette Monographien liegen mittlerweile über diesen alliierten Luftschlag vor – und doch gewinnt die Geschichtsforschung immer noch neue Erkenntnisse; etwa aus einem bislang unausgewerteten Zeitzeugenbericht, den der Sanitätsoffizier der am 13. Februar 1945 gegen Dresden eingesetzten Piloten hinterlassen hat. Dr. Harry O’Flangagan notierte in seinen Aufzeichnungen über die Reaktionen der Bomberbesatzungen auf das ihnen am Abend des 13. Februar 1945 bekanntgegebene Angriffsziel: „Dresden – das bedeutete einen langen Flug über Deutschland, der die Bomber nahe an die äußerste Grenze ihrer Navigationshilfen bringen dürfte. Der Rückflug über deutsches Gebiet würde den (deutschen) Nachtjägern jede Gelegenheit zur Vergeltung gestatten. Noch mehr aber waren die Männer deswegen erstaunt, weil Dresden allgemein nicht als Ziel bekanntermaßen militärischer Bedeutung betrachtet wurde.“

War auch Bomber-Harris überrascht?
die Ruinen von Dresden 1945 Daß die Kunst- und Zufluchtstadt an der Elbe gleichwohl zum Angriffsziel bestimmt wurde und im Feuersturm des 13. auf den 14. Februar 1945 unterging, lastet die Nachwelt dem Oberkommandierenden des britischen Bomberkommandos, Arthur Harris an, der wegen der Zerstörung unzähliger anderer  deutscher Städte mit dem Beinamen „Bomber-Harris“ in die Geschichte eingegangen ist. Er soll auch für den tausendfachen Bombentod der Dresdener und der von ihnen aufgenommenen Flüchtlinge aus Schlesien verantwortlich sein. Die Auslöschung von Dresden war ein eindeutiges Kriegsverbrechen. Zeitzeuge O’Flanagan versichert dagegen in seinem Bericht, daß die Schuldzuweisung an Harris in diesem Falle ungerechtfertigt sei. Harris sei von der Benennung Dresdens als Angriffsziel selbst überrascht worden. Er habe deswegen das Luftfahrtministerium ausdrücklich um die Bestätigung des Befehls gebeten und dabei erfahren, daß man dort „nur Anweisungen weitergebe, die man von den für die höhere Kriegsführung Verantwortlichen erhalten“ habe. „Das Bomberkommando“, so O’Flanagan, „hatte Dresden niemals als Ziel vorgesehen.“ Als Beweis für die Richtigkeit seiner Aussage führt er „die Tatsache“ an, „daß die gebräuchlichen Zielkarten, wie sie für alle zu erwartenden Einsätze vorbereitet worden waren, nicht zur Verfügung standen.

Memorandum an Stalin

Welchen Rang die „für die höhere Kriegsführung Verantwortlichen“ hatten, deutet ein persönliches Memorandum des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt „für Marschall Stalin“ vom 8. Februar 1945 an. Darin ist von der „erbarmungslosen Luftkriegsführung gegen Deutschland“ und den „Möglichkeiten für ähnliche Angriffe von Basen auf dem von den Sowjets kontrolliereten Territorium aus“ die Rede. Und das wenige Tage vor dem verheerenden Angriff auf Dresden, an dem sich bekanntlich neben britischen auch amerikanische Flugzeuge beteiligten. Deren offizielle Kriegschronologie bringt über Dresden nur den trockenen Hinweis, daß es am „14. Februar einen Angriff der 8. Luftflotte mit annähernd 1.300 schweren Bombern auf Dresden, Chemnitz, Magdeburg und Hof“ gegeben habe, bei welchem „zahlreiche Ziele getroffen und 20 (deutsche) Jagdflugzeuge zerstört worden“ seien.

Psychologie der Bomberbesatzungen

Der britische Zeitzeuge O’Flanagan liefert dagegen in seinen Aufzeichnungen auch noch aufschlußreiche Einblicke in die psychische Befindlichkeit der damals gegen Dresden eingesetzten Bomberpiloten. Etwa bei der Schilderung der letzten Vorbereitungen am Abend des 13. Februar mit der abschließenden Einweisung in das Zielgebiet, wenn er schreibt: “Es herrschte Überraschung, und es fielen nicht wenige Bemerkungen bei den Besatzungen, als das Ziel angekündigt wurde“. Nach seinem Zeugnis war – zumindest den Männern auf dem von ihm betreuten Luftstützpunkt Krimington – bekannt, daß „Dresden die einzige Stadt mit unbeschädigten Häusern war, in denen die Massen, die seit dem Zusammenbruch der russischen Front im Osten nach Westen strömten und Zuflucht vor der Winterkälte suchten, unterkommen konnten“. Das heißt, „man rechnete damit, daß sie bis oben hin vollgepackt war“, wie sich der Zeitzeuge wörtlich ausdrückt.

Es ging darum, „Deutsche zu töten“

Im Gegensatz zu späteren und auch heute noch gebotenen Darstellungen über ähnliche Bombenangriffe auf deutsche Städte gab es damals (13. Februar 1945) „keine der üblichen schönfärberischen Redensarten davon, daß das Ziel etwa ein Zentrum der Rüstungsproduktion oder von Eisenbahn - Instandsetzungswerken sei“. Statt einer Rechtfertigung des befohlenen Angriffs als „Vergeltung für Coventry“, wie es Nachgeborene häufig versuchen, hörten die Bomberpiloten auf dem Fliegerhorst vom diensthabenden Nachrichtenoffizier nur die „sehr grobe Feststellung“, daß sie „in die Air Force eingetreten“ seien, „um Deutsche zu töten“ und „genau das“ würden „sie heute Nacht tun“. Und so wurden die Stunden vom 13. auf den 14. Februar „die Nacht des Gemetzels“ an Zivilisten.
Leichenverbrennung in Dresden 1945
Leichenverbrennung nach dem schwersten Bombenangriff aller Zeiten

O’Flanagan beläßt es aber nicht bei diesem ehrlichen Eingeständnis, sondern beschreibt außerdem die Gemütsverfassung der vom Angriff zurückgekehrten Bomberbesatzungen. Er nennt ihre „Stimmung bedrückt“ und notiert: „Auf dem langen Heimflug brach sich die Erkenntnis dessen, was Dresden angetan worden war, bei den Besatzungen durch die Erschöpfung hindurch Bahn. Die Worte des Einweisungsoffiziers über das Angriffsziel wurden allzu real und verschwanden hinter einem Schleier von Abscheu und Ekel“. Die beteiligten kanadischen und australischen Piloten brachten die allgemeine Empfindung ihrer Kameraden mit der Bemerkung zum Ausdruck: „Verlangt bloß nicht von uns, noch einmal so etwas mitzumachen!“

Kaum Luftabwehr

O’Flanagan, der von den Piloten ausdrücklich bestätigt bekam, daß die deutsche Luftabwehr „nicht wesentlich“ gewesen sei, beschäftigt sich abschließend mit der Frage, warum man wohl Dresden als Ziel ausgewählt habe und nennt dafür drei mögliche Gründe. Zum Ersten hätte es die Erwartung gegeben, „die deutsche Moral zu brechen und auf einen Schlag eine deutsche Kapitulation herbeizuführen, wie es fünf Monate später der Abwurf der Atombombe in Japan bewirkt hat“. Die aber erst ein Vierteljahr „nach Dresden“ erfolgte deutsche Kapitulation erwies diese Hoffnung freilich als Fehleinschätzung.

Zum Zweiten hätte der Bombenangriff auf Dresden Ausdruck der alliierten Furcht sein können, daß die Deutschen kurz vor der Fertigung der Atombombe stünden und selbst in dieser Phase noch in der Lage gewesen wären, „den Ausgang des Krieges umzukehren“. Wie man bei Kriegsende jedoch alsbald erfuhr, war auch diese Annahme unberechtigt. Statt einer Atombombe hatte Hitler „Flugbomben“ als „V1“ und „V2“ entwickeln und auf England abfeuern lassen.

Drittens wäre schließlich denkbar gewesen, daß die Anglo – Amerikaner ihren Luftschlag gegen Dresden „als Vorführung ihrer Luftmacht gegenüber den Russen auf deren eigener Türschwelle ausgeführt haben.“ Immerhin stand die Rote Armee Mitte Februar 1945 nicht mehr allzu weit von Dresden entfernt und hätte die Stadt mit ihren Maschinen erreichen und bombardieren können. Es bleibt allerdings offen, ob sich Moskau durch den Angriff auf Dresden beeindruckt, bedroht oder in seinem Endkampf gegen Deutschland unterstützt fühlen sollte.

„I am an Englishman“

Den britischen Piloten wurden auffällige Instruktionen mit auf den Flug gegen Dresden gegeben, so O’Flanagan. Sie sollten „alles unternehmen, um zu ihren Basen in England zurückzukommen und unter allen Umständen den Versuch vermeiden, hinter der russischen Front zu landen oder auszusteigen“. Für den Fall, daß letzteres doch erforderlich werden sollte, bekamen sie einen kleinen „Union Jack“ mit der Aufschrift „I am an Englishman“ mit, den sie dann vorzeigen sollten. Von der praktischen Anwendung dieser Hilfsmittel ist nichts überliefert. Stalin jedenfalls verweigerte den westalliierten Bombern die Landeerlaubnis im sowjetischen Machtbereich. Seine Propagandisten schlachteten diese Weigerung später ideologisch als „Zeichen gegen den inhumanen kapitalistischen Bombenterror“ aus – nicht zuletzt auch, um vom Massentod der Flüchtlinge auf der torpedierten „Wilhelm Gustloff“ abzulenken; denn diese Schiffstragödie ging auf den Angriff eines sowjetischen Unterseebootes zurück. Das menschliche Gedächtnis behielt beide Katastrophen über die Jahrzehnte hinweg in Erinnerung.

Einordnung der Tragödien

Die Geschichtsschreibung bemüht sich fast ebenso lange um die richtige Einordnung der beiden Tragödien. Allerdings geschieht dies oft nicht ganz frei von Voreingenommenheiten und Einflüssen des vorherrschenden Zeitgeistes. Spürbar ist dies an der gängigen Aufzählungsmethode, nach welcher „Dresden“ dem vorangegangenen „Coventry“ gefolgt und die Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ die Antwort auf das zusammengeschossene Leningrad gewesen sei. Letztlich ist dies eine Aufrechnung, die sonst als anrüchig und verwerflich gilt, im Falle Dresdens freilich auch sachlich deplaziert ist. Die sächsische Hauptstadt war nämlich kein Standort für Rüstungsindustrie wie Coventry, wo sich das Zentrum der britischen Flugzeugmotoren-Produktion befand. Ihren Anlagen hatte der deutsche Luftangriff in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940 gegolten. Da diese Werke zum Teil in der mittelalterlichen Innenstadt massiert waren und sich unweit der 1917 zur Bischofskathedrale erhobenen St. Michaels- Kirche befanden, schlugen auch Bomben in Wohnhäusern und in der Bischofskirche ein. Das traurige Ergebnis waren 568 Tote und 863 Verletzte. Der Nachwelt wurde dieses Ereignis in Gestalt einer gefilmten Massen- Beerdigung und der Konservierung der Kirchenruine als Symbol der vermeintlichen Skrupellosigkeit der deutschen Luftkriegsführung vermittelt. Ein Redakteur der britischen Zeitung „Evening Standart“ erfand dazu am 20. November 1940 den Ausdruck „Coventraiting“, der sich bis heute für Städte- Bombardements erhalten hat. Der ursprünglichen deutschen Luftkriegsstrategie entsprach die „Coventrierung“ freilich nicht. Die Konzeption der deutschen Luftwaffe sah in erster Linie die Unterstützung der Bodentruppen an der Front vor. Die Strategie der Royal Air Force (RAF) zielte dagegen von Anbeginn auf die Zerschlagung der militärischen Infrastruktur im feindlichen Hinterland. Für die deutsche Reichsregierung war dies der Anlaß, der britischen Regierung bereits am 31. März 1936 ein „Abkommen zur Vermeidung eines strategischen Luftkrieges“ vorzuschlagen. London mochte jedoch sein Luftkriegskonzept nicht aufgeben und lehnte den deutschen Vorschlag ab.

Deutsche Städte wurden „Kriegsgebiet“

Am 10. Mai 1942 ging Premierminister Churchill noch einen Schritt weiter und ließ alle deutschen Städte, in denen sich Rüstungsfabriken der deutschen Kriegsmaschinerie befanden, öffentlich zum „Kriegsgebiet“ erklären. In einem Flugblatt forderte er „die deutsche Zivilbevölkerung auf, diese Städte zu verlassen“. Ein Appell, der nach Meinung eines amerikanischen Historikers, „mehr zu den Waffen der psychologischen Kriegsführung gehörte, als ein Zeichen christlicher Feindesliebe war“. Daß es mit der Rücksicht auf Christentum und Kirchen in jenen Jahren nicht allzu weit her war, erfüllte auch Papst Pius XII mit großer Sorge und veranlaßte ihn wiederholt zu Interventionen bei den Kriegsparteien. Die noch weitgehend ungeachtet gebliebenen „Myron C Taylors Papers“ liefern dafür eindrucksvolle Beispiele. Sie werden gerade in der „Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt“ ausgewertet und demnächst der Fachwelt vorgestellt.

Britische Bischöfe gaben Rückendeckung

Breite Öffentlichkeit fand dagegen 1944 die Zerstörung des Benediktiner- Klosters auf dem Monte Cassino durch die Anglo- Amerikaner, da sie von der damaligen deutschen Staatsführung propagandistisch genutzt und den Westalliierten als „Barbarei“ vorgehalten wurde. Was zwar kaum Beachtung fand, jedoch nicht weniger bedenklich erscheinen mußte, waren die Äußerungen führender Kirchenvertreter in den USA und im britischen Oberhaus über die Bombardierung des altehrwürdigen Klosters. So sprach der Bischof von Baltimore vom „Verständnis für die Bombardierung des Klosters durch unsere Jungens“ und der anglikanische Erzbischof Lord Lang bezeichnete die Zerstörung von Kulturdenkmälern „als bedauernswerte und unvermeidliche Begleiterscheinungen der Bombardierung von militärischen Zielen“. Als einziger der angelsächsischen Kirchenführer hatte der Bischof von Chichester, Lord Bell, die Bombardierung nicht gutgeheißen. Ihm gab der Sprecher des Oberhauses, Lord Cranborne, die inhaltsschwere Antwort: „Ich kann dem Bischof nicht die Hoffnung machen, daß wir unsere Bombardierungspolitik umstoßen werden“.

Die vielen Hunderttausende von Dresdnern hegten aber für sich und ihre Stadt genau diese Hoffnung – und wurden vor 60 Jahren eines anderen belehrt. Übrigens: Genau ein Jahr nach dem Untergang des Klosters auf dem Monte Cassino.

Dr. A.S.
NPD Göttingen - Deutschland
 08.01.2005