Immer noch, nach drei jahren
zittert unter den arbeitern, höre ich allgemein, die panik,
verursacht durch die plünderungen und vergewaltigungen nach, die
der eroberung von berlin folgten.
In den arbeitervierteln
hatte man die
befreier mit verzweifelter freude erwartet, die arme waren
ausgestreckt, aber die begegnung wurde zum überfall, der die
siebzigjährigen und zwölfjährigen nicht schonte und in
aller öffentlichkeit vor sich ging. es wird berichtet, daß
die russischen soldaten noch während der kämpfe von haus zu
haus, blutend, erschöpft, verbittert ihr feuer einstellten, damit
frauen wasser holen konnten, die hungrigen aus den kellern in die
bäckereien geleiteten, die unter trümmern begrabenen
ausgraben halfen, aber nach dem kampf durchzogen betrunkene horden die
wohnungen, holten die frauen, schossen die widerstand leistenden
männer und frauen nieder, vergewaltigten
vor den augen der kinder, standen in schlangen an vor den
häusern.
Bertold Brecht: Arbeitsjournal
1941-1955, Band 2, Frankfurt am Main 1973, Seite 850. Zitiert
nach: Sander, Helke und Barbara Johr (Hg.). BeFreier und Befreite: Krieg,
Vergewaltigungen, Kinder. München 1992, Seite 33
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