Mein lieber Vater !


Ich war sechseinhalb Jahre alt und sehe Dich noch heute in der Tür, Abschied nehmend, im Januar 1942, wenige Tage nach dem Einberufungsbefehl, mit einer dicken Wollmütze auf dem Kopf, die Dir Deine liebe Frau einreden mußte, voller Betroffenheit und Tränen in den Augen. Du warst alles andre als ein Soldat, hattest Musik studiert, spieltest die Klavierzüge der Wagner-Opern, warst ein wundervoller Organist. Du hast mir den Namen Johann Sebastian gegeben, da Bach für Dich der größte Musiker aller Zeiten war. Gerade erst war Dir eine Familie vergönnt. Du wolltest nichts anderes, als bei ihr bleiben.

Seit Deinem Weggang vermissen wir Dich! Irgendwann nach Stalingrad schlug Deine Todesstunde, wir können nicht einmal an Deinem Grab stehen, das irgendwo sein muß, von dem aber vielleicht niemand weiß, mehr als ein halbes Jahrhundert deckt Dich fremde Erde.

Schwer hatte es die liebe Mutter, uns durchzubringen, uns alleine zu ernähren – als mein Bruder starb, als wir von zu Hause vertrieben wurden, als sie mich alleine aufzog. Jahrzehnte lang wartete meine liebe Mutter auf Dich, sie ist Dir bis heute treu geblieben. Doch Du hast mit Deinem Leben bezahlt, was andere beschlossen, ohne Dich zu fragen.

Heute wollen wieder andere Dir noch Dreck auf Dein Grab werfen. Andere, die das Glück hatten, nie in Deine Situation zu kommen. Sie wissen nicht, was sie sagen, wenn sie Dir jetzt auch noch Deine Ehre nehmen wollen. Jetzt, da Du Dich nicht mehr wehren kannst. Mann kann Dir nur eines vorwerfen: Du hattest nicht die Gnade des Märtyrertums, weil Du es hingenommen hast, daß Du Soldat der Deutschen Wehrmacht werden mußtest.

Noch heute erzählen Leute, die Dich kannten, begeistert davon, wie gern Du die Menschen hattest, wie fröhlich Du mit ihnen musiziertest, wie Du sie zum Lachen bringen konntest. Verzeih´ mir, Vater, daß ich Dich nicht besser verteidigen kann. Ich weiß es aber – ich weiß es ganz gewiß, nicht der Hauch eines Unrechts lag über Deinem kurzen Leben.

Siegfried Richard Johann Sebastian Nouschak, Inzigkofen


NPD Göttingen -Geschichte  30.03.2005