Das Göttinger 82er Regiment im Ersten Weltkrieg


An dieser Stelle soll doch einmal dokumentiert werden, aus welchem Grunde der heutige "Hiroshima Platz" in Göttingen früher den Namen "82er Platz" getragen hatte - und erfreulicherweise im Göttinger Volksmund noch heute so heißt:

Lebe droben, o Vaterland, und zähle nicht die Toten.
Dir ist, Liebes, nicht einer zuviel gefallen.

Friedrich Hölderlin


Erster Weltkrieg (1914-1918)
Kämpfe des 82er Göttinger Regiments in Rußland und Frankreich
Von Oberstleutnant E.D.


Zwei Tagesmärsche südwestlich von Namur, in Mettet, erhält das Regiment den Befehl zur Umkehr. Der Russe ist in Ostpreußen eingedrungen, der Hilferuf ertönt. Zugleich mit dem Garde-Reserve-Korps marschiert das 2. Armeekorps nach Osten ab. Auf deutschem Boden, in Malmedy, wird das Regiment verladen und fährt gen Osten. 2 ½ Tage dauert diese Fahrt.  Gerade ist der Sieg von Tannenberg gemeldet, auf der Weiterfahrt kommen neue Nachrichten, der Sieg in seiner ganzen Größe wird bekannt. Ein einziger Jubel war die Fahrt des Regiments von Belgien quer durch Deutschland. Für alle Beteiligten ein unvergeßliches Erlebnis. Nach Münden und Arenshausen waren die Göttinger herbeigeeilt und es gab am 1. September ein fröhliches Wiedersehen. In Osterode in Ostpreußen endete die Fahrt.

Zwei Tage später beginnt der Vormarsch. Zum zweiten Mal holt General von Hindenburg zum Schlage aus, um seine Heimatprovinz von dem Eindringling zu befreien. Schlimm hat der Russe und seine asiatischen Hilfsvölker in diesem schönen Lande gehaust. Am 8. September kommt das Regiment ins Feuer, am 9. wirft es den Russen zurück. In der Nacht zum 10. September zieht der Russe ab. Bei seiner Verfolgung stößt das Regiment am Spätnachmittag bei Wolfshöhe auf den Feind, stürmt seine Stellungen und macht zahlreiche Gefangene. Nach kurzer Rast wird es Abends aus dem eben bezogenen Lagerplatz herausgeholt und die Verfolgung geht weiter in die stockfinstere Nacht hinein.

Die Brigade Hülfen, vorn Regiment 82, ist am weitesten dem Feinde nachgedrungen. Nach kurzem Marsch prasselt dem 1. Bataillon, der Vorhut, das Feuer russischer Vorposten entgegen. Beide Teile sind überrascht. Mit „Hurra“ und schlagendem Tambour geht das Bataillon gegen Neusorge vor. Es kommt zum Nahkampf gegen einen weit überlegenen Feind und hindert  weiteres Vordringen. Das Bataillon wird zurückgezogen, einzelne Teile bleiben noch bis zum frühen Morgen am Feinde. Am 11. September, dem Kampftage von Rogalwalde, erobert Unteroffizier Schiebenhöfer vom 82. Regiment im Sturmanlauf eine russische Fahne, eine der wenigen eroberten Russenfahnen. – Im Zeughause von Berlin wird (wurde) sie aufbewahrt.

Tag und Nacht wird marschiert, am 12. September, mittags, durch das brennende Gumbinnen, aber der Russe versteht sich auf nächtlichen Rückzug. Am 13. September stößt das Regiment bei Alexkehmen wieder auf den Feind und wirft ihn nach kurzem Gefecht. Am Nachmittag ist die russische Grenze überschritten bei Eydtkuhnen – Wirballen. Ein unabsehbarer Zug, viele Kilometer lang, von russischen Fahrzeugen aller Art, zum Teil noch mit den Pferden in den Strängen, Geschütze, Waffen, Munition säumen den Weg. In den Fahrzeugen steckt aller Art Hausrat, Frauenkleider, Kinderspielzeug, Kostbarkeiten aller Art, die der Russe in Ostpreußen, das dem russischen Naturkind wie das verheißene gelobte Land erscheint, zusammengestohlen hat. Die Schlacht an den Masurischen Seen ist beendet. Nennenkampf hat seine halbe Armee verloren, der aufgelöst in eiliger Flucht die schützende Festung Kowno anstrebt. Zwei Nächte bringt das Regiment in russischem Quartier zu, diesseits der Grenze Ordnung und Sauberkeit, jenseits Laus und Mist.

Das 11. Armeekorps wird zurückgerufen und marschiert an sechs Regentagen zurück nach Königsberg. Hunderte von den Russen mitgeschleppte Männer, Frauen und Kinder kehren zurück und finden ihr Hab und Gut verwüstet und in Flammen aufgegangen wieder vor. In Königsberg wird noch in der Nacht zum 23. September das Regiment verladen. In Südpolen war nach anfänglichem tapferen Kampfe das verbündete österreich-ungarische Herr geschlagen und nach Nordgalizien zurückgedrängt. Die deutsche Heeresleitung verspricht Hilfe, Entlastung und Vormarsch diesseits der Weichsel zur Ablenkung des rechten russischen Flügels. Das Schicksal Österreichs und Ungarns hing an dieser Hilfe. 

Schnell und überraschend mußte sie kommen. – Deutsche Armeekorps und andere Formationen marschierten von Oberschlesien, das 11. Armeekorps von Krakau in Eilmärschen auf unergründlichen Wegen gegen die Weichsel vor. Garde-Res.-Korps und 11. Armeekorps stoßen bei Opatow auf den Feind und bereiteten ihm eine völlige Niederlage. Nach wenigen Tagen stehen die Deutschen vor Warschau und Jwangorod. Alle Versuche der Russen, mit stärkeren Kräften an einer neuen Stelle über die Weichsel zu kommen, schlagen fehl. Das Regiment hält in schwerem Kampf bei Jwangorod unerschüttert stand.

Die Tage der Schlacht von Jwangorod (Kozienice-Dombrowka) sind ein Ruhmesblatt in der Geschichte des Regiments. Im Schlamm und Schmutz gegen gewaltige Übermacht hat hier die brave Truppe in starkem Infanterie- und Artilleriefeuer wacker ausgehalten und die militär-politische Lage zu seinem Teil vor einer gefährlichen Krise bewahrt. Die nördliche Warschauer Gruppe geht abschnittweise zurück, macht an der Rawka nochmal Front und hält den Russen sich vom Leibe. Von der südlichen Gruppe wird das Regiment in Eilmärschen in die Gegend von Lodz hinter den linken deutschen Flügel geführt. Die Deutschen gehen auf die Provinzen Oberschlesien und Posen zurück. Langsam und zögernd folgt der Russe. – Die feindlichen Generalstäbe und das Volk von Paris bis Petersburg frohlocken über den „Sieg“, der Weg nach Berlin steht offen, die russische Dampfwalze wälzt sich langsam gegen die deutsche Grenze heran.

General von Hindenburg wirft in kühnem Entschloß sein Heer wieder dem Feind entgegen. Sein Plan ist die Umklammerung des auf Deutschlands Grenze vormarschierenden russischen rechten Herresflügels. Nur durch äußerste Ausnutzung von Zeit und Schnelligkeit ist dieser kühne Plan durchzuführen. Truppen, die seit acht Tagen im Rückmarsch sich befinden, wieder auf dem Fuße drehen zu lassen, sie in schnellem Marsch zu einer großen strategischen Bewegung gegen gewaltige Übermacht auszunutzen, ein solches Vertrauen kann nur ein deutscher Feldherr zu deutschen Truppen haben. Der Plan gelingt. Bei Kolo und Konin wird der überraschte Feind angegriffen, in der Schlacht  bei Kutno geworfen und in der großen Schlacht bei Lodz endgültig die Gefahr für den Osten gebannt. Zum dritten Mal rettet dies deutsche Ostheer die Heimat.

Am 18. November hatte das Regiment 82 in starkem feindlichen Feuer angegriffen, war an dem brennenden Lagiewniki Stare vorbei durch den Wald in tosenden Gefechtslärm in der finsteren Nacht vorgedrungen und bis zum Vorwerk Marysin nahe der Vorstadtgrenze von Lodz gedrungen mitten in den Feind hinein, weit voraus seinen Nachbartruppen. Er wurde an den Waldrand zurückgezogen und hier nördlich von Lodz hat es bis zum 6. Dezember, wie ein Keil in die feindlichen Linien hineinragend, tapfer standgehalten. Ein Massenangriff der Russen am 20 November abends nach heftiger Artillerievorbereitung wird abgewiesen, nur an schmaler, dünn besetzter Frontlinie bricht ein Haufen durch, tastet führerlos durch den Wald nach Norden und wird mühelos wieder vertrieben. Zweihundert Mann werden gefangen genommen, darunter Sibirier.

Der Winter brach herein, in trostloser Öde und dünner Linie lag hier das Regiment ohne Reserve 2 ½ Wochen lang in kümmerlichen Löchern, in bitterer Kälte und glitzerndem Schnee, von Läusen gepeinigt, in den ersten Tagen ohne Decken und Stroh. Die Feldküchen mußten abends weit hinter der Front halten, heftiges Infanteriefeuer bestrich von Anbruch der Dämmerung an den einzigen Anmarschweg. Bei Tage holten sich die russischen Scharfschützen manches Opfer. Am 6. Dezember kam endlich die Erlösung. Der Russe hatte Lodz geräumt. Die 82er, starr und steif, erhoben sich, was noch nicht an erfrorenen Füßen ausgeschieden war, stapfte hinter ihm her.
Die Wochen bis zum Jahresschluß sind ausgefüllt von neuen Kämpfen. Das Regiment gewinnt bei Rava das östliche Ufer der Rawka. In sehr verlustreichem Nachtgefecht vom 30. Novenber gelingt es nicht, den Russen das Ziel, Konopnica, zu entreißen. Um diese Zeit wird Oberst von Förster, der ritterliche Friedens-Regimentskommandeur, der das Regiment von Lüttich bis auf den Weg nach Lodz siegreich geführt hatte, zum Brigadekommandeur ernannt. Sein Nachfolger wird Major (später Oberst) Schmidt. Bis zum Kriegsende liegt die Führung zielbewußt und klar und immer siegreich vier Jahre in der Hand dieses zähen Soldaten. Hier erstarrt allmählich die Front. Anfang und Mitte März 1915 mißlingt ein Versuch zu schwacher Kräfte, auf Warschau durchzustoßen. In den Schlachten an der Rawka, beim Kampf um das Vorwerk Jezierzec und in der Schlacht bei Stolniki hat das Regiment hohe, schmerzliche Verluste.

Anfang Juni wird es nach Galizien herangeholt. Von Mai 1915 ab, nach dem Durchbruch von Gorlice-Tarnow in Galizien, bis zum November dauert das Zurückdrängen der Russen bis tief in ihr Land hinein. Fast kein Tag vergeht ohne Kämpfe. Immer von neuem muß die deutsche Infanterie angreifen. Schwere, blutige Tage, der schlimmste der von Malkow am 5. August. – Tägliche Gefechte, tägliche Verluste, in der Nacht zieht der Russe ab, am anderen Tag hat er aus seiner unerschöpflichen Menschenmasse neue Verteidiger in neue Stellungen gelegt, unterstützt von seiner guten Artillerie und seinem reichlichen Vorrat von Maschinengewehren. Lange Märsche in dem heißen Sonnenbrand des Sommers 1915, tiefe sandige Wege, Sumpf und Urwald erschweren der braven Infanterie ihr mühsames Werk, wimmelndes Ungeziefer und die ganze Verkommenheit der polnischen Behausungen peinigt den aus dem Kulturlande kommenden deutschen Soldaten. Das siegreiche Vorwärtskommen – Hunderte von Kilometern sind es schließlich geworden – geht weiter, an der großen Festung Brest-Litowsk vorbei bis zum Oginstki-Kanal. Nach den verlustreichen Schlachten bei Tschernysch und bei Tschartorysk tritt Ruhe ein. Die deutsche Heeresleitung stellt die Verfolgung ein.

Der Stellungskrieg mit Patrouillentätigkeit und Stellungsbau beginnt von neuem. Der Herbstregen setzt ein, ½ Meter hoher Schlamm deckt die sogenannten Straßen. Die Truppe frischt sich nach den monatelangen Kampf – und Marschtagen wieder auf. Bade- und Entlausungsanstalten werden angelegt, Waffen, Ausrüstung und Kleidung wieder instand gesetzt und es gibt wieder Heimaturlaub. Aus dem Herbst wird der zweite russische Winter. In dieser Wildnis erscheinen plötzlich gegen Mitte Dezember die Weihnachtsboten aus dem fernen Göttingen.

In diesem Jahre kommt, zusammen mit dem einst bei Lüttich schwer verwundeten Leutnant der Reserve Gebert, Professor D. Mirbt nach mühseliger Fahrt durch Polen und Wolhynien und bringt Liebesgaben aus der Heimat. Als der Frühling 1916 naht, wird das Regiment Kurland, in die Gegend von Mitau abtransportiert und verbringt dort einige abwechslungsreiche Ruhewochen. Ungewohnte Dinge geschahen hier, der Pflug ging durch den Acker und die 82er bestellten das Feld; schnell wurde es warm und die Soldaten sprangen in das warme Wasser der zahlreichen Flüsse und Bäche. Wie immer in Ruhestellungen, wurde die Ausbildung fleißig betrieben. – Nach gleicher Ruhezeit in der Gegend östlich Wilna langt das Regiment Ende Juni nach 76stündiger Bahnfahrt an der polnisch-russischen Grenze an und nimmt teil an den Gegenangriffen nach der Brussilow-Offensive, die die Österreicher zurückgeworfen hatte. Ein Jahr lang, von Juli 1916 bis Mitte Juli 1917, liegt das Regiment nun an der galizisch-russischen Grenze im Stellungskampf in der Gegend des Styr.
Anfang Juli 1917 brachen die Russen auf Befehl der Revolutions-Regierung, die sich ihrer nationalen Pflicht bewußt war, mit starken Kräften wiederum gegen die Österreicher vor. Diese wurden zurückgeworfen, österreichische Truppen gingen zum Teil zum Feinde über. Als der Deutsche erscheint, und der Gegenangriff kommt, ändert sich das Bild. Der Angriffskrieg, wie vor zwei Jahren, hebt wieder an und die 82er haben nichts verlernt. Noch ein Vierteljahr lang hält in Ostgalizien am Sereth das Regiment die Wacht. Dann endet die dreijährige Verwendung des Regiments auf dem Kriegsschauplatz im Osten. Ruhmvoll hatte es ausgehalten, wo immer es eingesetzt war, oft in enger Verbindung mit österreichischen und ungarischen Truppen. Es hatte gegen gewaltige Überlegenheit gekämpft, oft mit wenig zuverlässigen Nachbarn, die, mit deutschen Truppen untermischt, einen Halt bekamen. Reserven hinter der Front hatte es nur selten gegeben. In einem verwahrlosten, fast weglosen Lande, im Sand, Steppen- und Sumpfgebiet, weit von aller Kultur waren diese drei Jahre dahingegangen.

Nun kam der Ruf nach dem Westen. Sechs Tage dauerte die Eisenbahnfahrt, sie endete in Chauvency bei Montemdy. Das Regiment wird bis Dezember verwendet im Abschnitt Maas-West und bis Mai 1918 Maas-Ost vor Verdun und gewöhnt sich bald an die veränderten Kampfverhältnisse. Schneidige Stoßtrupp- und Patrouillen-Unternehmungen hielten die Angriffslust wach. Westlich Reims eingesetzt, nimmt das Regiment Mitte Juli 1918 hervorragend Anteil an der Angriffsschlacht an der Marne. Ihm folgt der große Gegenstoß der Franzosen. In der Abwehrschlacht zwischen Soiffons und Reims (18. Juli bis 2. August) hält das 82. Regiment in tapferer Gegenwehr einer gewaltigen Übermacht zäh und erfolgreich stand, allerdings unter schweren Verlusten. Aus den Resten wird ein Bataillon zu drei Kompanien gebildet!

Am 2. September kämpft das wieder aufgefüllte Regiment in der Abwehrschlacht zwischen Scarpe und Somme gegen die Engländer mit großer Umsicht und Tapferkeit. – Die Gefechtsstärke der schwächsten Kompanie ist an diesen Tagen 15, die der stärksten 29 Mann. In den Kämpfen bei Albancourt Ende September, Anfang Oktober und bei Douai und Valenciennes halten sich die 82er den weit überlegenen Feind vom Leibe. Die Gefechtsberichte dieser letzten Monate sind angefüllt von zahlreichen tapferen und kühnen Einzeltaten. Am letzten Großkampftag, dem 4. November, an der englischen Front, nördlich Quesnon, gerät ein größerer Teil der zerfetzten Reste des Regiments in unübersichtlichem Gelände in Gefangenschaft. Was von der 82ern noch übriggeblieben ist, marschiert unbesiegt und ungebrochen in die Heimat zurück und trifft Ende November in Göttingen ein.
O du mein Vaterland
(Weltkrieg 1914 – 1918.)

Über die Felder zur Ernte gereift,
Über die Wiesen mit saftigen Grün
Laß ich wie träumend die Blicke zieh’n

Da erfaßt mich und packt mich ein Weh,
Und es ballt sich im Zorne die Hand,
Dein gedenkend, mein Vaterland! –

Großes, heiliges Vaterland, du,
Kindheit, glücklicher Heimat Bild,
Nun in Wetterwolken gehüllt!

Aber freudig, dem Tode geweiht,
Zug auf Zug zieh’n die Helden hinaus,
Dröhnend ihr Lied, wie des Meeres Gebraus.

Mächtiger Wille, wie Urkraft stark,
Nie und nimmer zwingt dich der Feind,
Ob auch mit Mächten der Hölle geeint!
Nie und nimmer! Wie Felsen so fest
Steht mir der Glaube: „Gott, deine Hand,
Schirmend schützt sie das Vaterland.“

Friedrich Schenck


Oberstleutnant E.D.
NPD Göttingen - Regionales
 12.01.2005