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Mit 16 ein Kriegsgefangener |
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Vor 60 Jahren Heinrich
Bierwirth aus
Wachenhausen (Landkreis Northeim) hat vor 60 Jahren das
berüchtigte US- Kriegsgefangenenlager bei Remagen mit knapper Not
überlebt.Als 16jähriger hatte Heinrich Bierwirth aus Wachenhausen vor 60 Jahren die Wahl, einen Reichsjugendführungslehrgang mitzumachen oder zum Arbeitsdienst eingezogen zu werden. Er entschied sich für den Lehrgang, wurde wenig später in Mitteldeutschland an die Front geschickt und geriet am 17. April 1945 in amerikanische Gefangenschaft. 50 Jahre später (1995) erinnert sich Heinrich Bierwirth im Gespräch gegenüber der HNA: "Damals waren wir von der Sache der Nationalsozialisten durchaus begeistert und haben noch 1945 an den Endsieg geglaubt. Aber wir sind von diesem Irrglauben sehr schnell geheilt worden". Wie schnell und wodurch, das hat Bierwirth selbst aufgeschrieben. Hier sein erschütternder und aufwühlender Bericht: Nach der Gefangennahme durch die
Amerikaner in Mitteldeutschland kamen wir in ein Auffanglager nach
Nordhausen, in dem wir einen Tag und eine Nacht zugebracht haben. Der
Transport ging nun auf großen Fahrzeugen in das Durchganglager
Holtensen bei Göttingen. In diesem Lager waren etwa 10.000
Menschen untergebracht. Nach zwei Tagen wurden wir neu verladen und
kamen in das Lager Welda bei Warburg. Hier wurde wieder nach Alter und
Dienstgraden sortiert, es wurde Verpflegung empfangen und wir wurden
neu verladen.
Nun ging die Fahrt ununterbrochen gen Westen. Auf den riesigen Sattelschleppern der Amis konnten wir nicht umfallen, denn es waren fast 120 Mann auf ein Fahrzeug zusammengedrängt. Gar mancher, der auf dem Transport durch seinen Heimatort fuhr, sprang in voller Fahrt vom Fahrzeug. Meistens wurden diese Menschen dann von den Wachen auf der Flucht erschossen. Beim Durchfahren der Orte wurden uns aus den Häusern von den selbst hungernden Bewohnern Lebensmittel auf die Lastwagen geworfen. Manchmal kam es zum Streit zwischen den ausgemergelten Landsern. Der größte Streit entstand immer um die Plätze an den Wänden der Fahrzeuge. Es gab dann aber überraschend Halt, und man lud uns auf freiem Feld ab. Bei Tagesanbruch erfuhren wir dann, wo wir gelandet waren. Vor uns waren hier schon Tausende ausgeladen worden, sie lagen und saßen in unvorstellbarem Schlamm und Dreck unter freiem Himmel in Wind und Wetter. Soweit das Auge sehen konnte, nur graue und erdgraue Gestalten. Wir waren im großen Lager Remagen. Später waren hier, wie man uns sagte, rund 700 Tausend Gefangene untergebracht. ![]() In den Lagerteilen wurden überall Lagergassen gebaut. Diese Gassen durften von uns nicht betreten werden, es wurde sofort geschossen. In den Lagergassen fuhren Tankwagen, diese pumpten in durchgeschnittene Spritfässer Rheinwasser mit Chlorkalk, es war aber nur zum Trinken da, gewaschen durfte damit nicht werden. Tag und Nacht wurde wegen eines Kochgeschirrs Schlange gestanden. Ansonsten durfte sich bei Dunkelheit niemand aufrecht im Lager bewegen. Panzer mit Scheinwerfern fuhren durch die Lagergassen und es wurde sofort geschossen. Wir gruben uns langsam in die Erde ein, um gegen Nässe und Kälte etwas Schutz zu haben. Ich hatte einen abgebrochenen Löffel dazu, andere Dosendeckel. Im Lager der Offiziere gab es dafür Spaten, auch Abdeckungen aus Leder für die Löcher dieser besser Gestellten gab es aus einer nahen Lederfabrik in Sinzig. Diese Löcher waren wichtig, denn man muß sich einmal vorstellen, die Klamotten werden nicht trocken am Leib, und nachts hat es gefroren. Wir haben mit drei Mann im Loch gehockt und versucht, darin zu bleiben, denn wenn einmal andere drin waren, hatte man seinen Unterschlupf verloren. Dieser Kampf begann schon am frühen Morgen, wenn es Zählappel gab und etwa ab 10 Uhr zum Essenempfang angetreten werden mußte, was sich bis zur Dunkelheit hinzog. Also: Einer blieb immer im Loch. Dieses galt genauso für den Arbeitseinsatz, wozu sich alles drängte, denn es gab Sonderverpflegung: vier Butterkekse. Und draußen konnte man etwas organisieren. Als Verpflegung gab es: Je einen Eßlöffel Milchpulver, Kaffeepulver, Zitronenbrause und zwei bis vier Kekse. Es gab ab und zu auch etwas schwarzen Tee, dieser wurde ein paarmal ausgekocht, getrocknet und dann geraucht. Eine rohe Kartoffel gehörte ab und zu auch dazu. Nachdem es dann leere Dosen und Behälter gab, wurden daraus kleine Kochgeräte gebastelt. Die Amis hatten eine Heidenangst vor dem deutschen Organisationstalent, sie waren der Meinung, wenn ein deutscher Landser mit einer Blechdose ins Lager ging, kam er mit einem Panzer wieder heraus. Doch noch einmal zur Verpflegung: Nachdem die meisten der Landser schon vorher ausgehungert waren, fielen sie über die Rüben und Runkelmieten her, die in der Rheinebene durch Hochwasser verdorben waren. Es ist nicht übertrieben, aber es wurde vor Kohldampf alles gefressen. Dieses hatte wieder zur Folge, daß innerhalb kurzer Zeit die meisten die Ruhr bekamen. Die Krankheiten nahmen nun immer schneller zu, denn nun kamen Erkältungserkrankungen und Diphtherie zum Ausbruch, die schweren Kriegsverletzungen der Soldaten, die meistens noch nicht ausgeheilt waren, kamen nun zum Ausbruch. Ruhr, Typhus, Diphtherie, vor allem aber die Kopfverletzungen machten große Probleme. Die Soldaten haben oft Tag und Nacht geschrien. Eines der schlimmsten Dinge aber waren die neu aufgetretenen Fußerfrierungen. Die Soldaten waren durch den ständigen Regen, den Schlamm, die nasse Erde, und dazu alles unter freiem Himmel des nachts vollkommen steifgefroren und haben vor Schmerzen geschrien, wenn sie erwachten. Wir konnten uns nicht mehr aus unseren Erdlöchern bewegen. Stiefel und Hosen wurden uns von den Beinen heruntergeschnitten. ![]() Was hier deutsche Sanitäter geleistet haben, ist unvorstellbar. Sie haben Tag für Tag die Schwerkranken durch den Morast in den Lagergassen zu den Hauptverbandsplätzen geschleppt. Hier lagen wir dann in den Tagen um den 8. Mai, als es tagsüber sehr warm wurde, auf flacher Erde, unter freiem Himmel, teilweise ohne Zeug am Körper, und warteten auf den Abtransport in ein deutsches Lazarett auf der anderen Seite des Rheins. Eines Tages wurden wir wieder verladen und kamen über Sinzig, Andernach und Montabaur im Westerwald nach Frankenberg an der Eder in ein deutsches Lazarett. Meine Erfrierungen (zweiten und dritten Grades) an den Beinen, Typhus und Ruhr konnten halbwegs auskuriert werden. Am 18. Juli wurde ich nach Hause entlassen, und zwar unterernährt mit einem Gewicht von 82 Pfund. Ich war geheilt von unserer Vergangenheit, nur daß die Sieger, die uns so behandelt hatten, einmal unsere Freunde werden sollten, habe ich damals nicht geglaubt. Nur eines kann ich für mich positiv sehen: Ein amerikanischer Oberarzt hat mich vor der Amputation beider Beine, die bis über die Knie blau waren, gerettet. Ansonsten hatte ich mir unter Menschen, die uns die "Freiheit" bringen wollten, etwas anderes vorgestellt. Mag es Anderen als Vorurteil erscheinen, für mich sind die Feinde von Gestern noch nicht unbedingt Freunde geworden". Beachten Sie hierzu unseren Aufruf zu einem Gedenkmarsch in Remagen |
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| Heinrich Bierwirth | 19.04.2005 |
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