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Nachdenken über die Nachkriegszeit |
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| Statt die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges mit Atombomben ein für allemal von der Erdoberfläche verschwinden zu lassen oder 1945 zwecks Gehirnwäsche in Umerziehungslager zu stecken, bevorzugte der Feind für den Weg zum deutschen Volkstod die kulturelle Indoktrinierung. Eine Methode, die zwar etwas Geduld erforderte, aber notwendig war, um das Reichsgebiet als (Stau)Raum für spätere Flüchtlingsströme aus Ländern zu erhalten, die man selbst zu nutzen gedachte, und um darüber hinaus noch viele Jahre deutsche Schaffenskraft ausbeuten zu können. In der Westzone widmete der Sieger seine Aufmerksamkeit zuerst der Zielgruppe "intelligente Jugend", die aufgrund ihrer Bildungsoffenheit problemloser ideologisch zu beeinflussen war als die etwas trägere, lesefaule und kulturell mehr aus dem Bauch denkende Masse. Zudem benötigte man die junge Elite in ihrer Eigenschaft als zukünftige Erzieher und Führungskräfte, damit sie ihre andressierte völkische Identitätsstörung professionell der nächsten Generation weitergaben. Die Vorbereitung für die Aufnahme alles Fremdartigen und Ablehnen des Eigenen fand über tendenziöse Schuld- und Sühneliteratur als alternativloser Pflichtlektüre im Deutschunterricht weiterführender Schulen statt, sowie dem Anpassen des Musikgeschmacks an ausländische Kulturen, wozu vor allem der anspruchsvolle Jazz prädestiniert schien. In verräucherten Einrichtungen lauschten verzückte Mädchen und Jungens gemeinsam mit Soldaten der amerikanischen Besatzungsmacht den importierten Tönen, die in den Ohren reaktionärer Erwachsener zwar mehr wie negroide Brunftschreie klangen, von den Jüngeren aber als Ausdruck künstlerischer Improvisation geschätzt wurden, die neben freier Instrumentenwahl noch Raum für individuelle rhythmische Artikulation zuließ. Diskussionen über Für und Wider unterschiedlicher Musikstile blockten die Fans in zeitgeistiger Intoleranz ab: "Wollt Ihr Deutschtümler etwa Schellenbäume und Pickelhaubenmärsche mit den kreativen Auftritten des Zugposaunisten und Nazi-Widerständlers Albert Mangelsdorf oder des schwarzen Trompeters Art Farmer vergleichen?" Die exorzistische Gründlichkeit, mit der einheimische Musik verfolgt wurde, trägt heutzutrage bittere Früchte, wenn deutsche Kinder nach einem Sieg der Fußballnationalmannschaft ihrer Freude nur Ausdruck verleihen können, indem sie "We are the champions" singend durch die Straßen laufen, weil sie kein einziges deutsches Lied mehr kennen. Während die manipulierte Intelligenz in vermeintlicher Überlegenheit den letzten Rest altbackenen, nazistischen Blut- und Bodendenkens abstreifte, machte die Unterhaltungsindustrie das Volk geschickt mit der neuen Weltanschauung vertraut. Der Begriff Heimat sei ein für moderne Menschen überholter, hieß es, der sich auf alpenländische Liebesfilme oder folkloristische Veranstaltungen von Vertriebenenverbänden beschränke, deren Mitglieder aus den ehemaligen Ostgebieten längst im Westen integriert seien, aber nichts dazugelernt hätten. Als schließlich die Schlagersängerin Connys Froboess von den "Zwei kleinen Italienern" krähte, die am deutschen Bahnhof Abend für Abend heimwehverzehrt dem Zug nach Napoli nachschauten, war die Einwanderung von Gastarbeitern aus Süditalien bereits in vollem Gange. Obwohl nicht nur hartgesottene Realisten vor den Folgen des Zuzugs aus dem Ausland warnten, und die allerwenigsten Werktätigen Verständnis für die unermüdlichen Forderungen der Gewerkschaften nach Lohnerhöhungen mit gleichzeitigen Arbeitszeitverkürzungen aufbrachten, fanden sich die gutmütigen Deutschen nach und nach damit ab, daß die besungenen Italiener "ihre Tinas und Marinas" gerne wiedersehen wollten; und wenn eine Zusammenkunft aus irgendwelchen Gründen nicht in südlichen Gefilden möglich war, dann eben in der BRD. Der Grundstein für die kostspielige Familienzusammenführung war gelegt. Kräftig auf die Tränendrüse drückte Udo Jürgens in seinem Gassenhauer "Griechischer Wein", wenn er von der Einsamkeit der Griechen im kalten Land ihrer neuen Arbeitsplätze sang, von ihren jungen Frauen und bedauernswerten Kindern, die ihre in nördlicher Ferne für die Deutschen malochenden Väter noch nicht kennenlernen durften. Weichgeklopft in punkto Fremdenmitmenschlichkeit stand ernsthafter Widerstand von seiten der Wirtsbevölkerung gegen den nachfolgenden osmanischen Massenzuzug nicht mehr zur Debatte, so daß musikalische Sentimentalitäten ausbleiben konnten, zumal das deutsche Volk ebenso wenig verstand, was mit ihm geschah, wie sein Bundeskanzler, der doch laut Grundgesetz die Richtlinien der Politik zu bestimmen hatte. Als nämlich der türkische Regierungschef Demirel seinem Gesprächspartner Helmut Schmidt die Einschleusung von 15 Millionen Türken bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts ankündigte, machte Kanzler Schmidt aus seinem ungläubigen Erstaunen keinen Hehl. Darauf erhielt er von Demirel zur Antwort: "Warten Sie mal ab, wir bekommen die Kinder und Ihr werdet sie aufnehmen!". Bedarf es noch einer Verschwörungstheorie, um zu begreifen, daß geheime, deutsche Interessen betreffende Abmachungen zwischen der türkischen Regierung und einer Hintergrundmacht geführt worden sein mußten, von denen Helmut Schmidt keine Kenntnis besaß, und deren planmäßiger Realisierung er ebenso macht- und tatenlos gegenüberstand wie seine Nachfolger? In der späten Nachkriegs-BRD keimte nicht nur die Saat der Überfremdung, sondern auch die der gesellschaftlichen Veränderung. Abgestoßen von den allabendlich ins Wohnzimmer übertragenen Kriegsgreuel amerikanischer Kapitalisten in Indochina, vernachlässigt von Erwachsenen, die überwiegend mit Selbstverwirklichung beschäftigt waren, verraten von einer Kirche, die sich eher der Fernsten- als der Nächstenliebe verpflichtet glaubte, häufte sich die Zahl der jungen Deutschen, die sich nicht mehr heimisch fühlten zwischen Import und Export und der Frankfurter Schule. Sinnsuchend pilgerten sie, inspiriert von Herrmann Hesses "Siddharta" oder dem Kultmusical "Hair", in Scharen zu den Friedenslamas nach Tibet oder Indien, wo sie an der Quelle des buddhistischen Pazifismus getreu dem Leitspruch der Blumenkinder "Make Love not War" auf ein friedliches, von bürgerlich-sexuellen Verklemmungen befreites Leben und den monatlichen Scheck gewissensgeplagter Eltern hofften. Als irgendwann das Drehen der Gebetsmühlen im lamaistischen Kloster mehr den Stumpfsinn als den Geist beflügelte, die Ausschweifungen des Liebeslebens zu wünschen übrig ließen, kehrten viele Krishna-Anhänger in die Heimat zurück. Nur besonders Ausdauernde verharrten om-summend länger auf dem Dach der Welt, wo sie sich dem Himmel, an den sie eigentlich nicht mehr glaubten, näher fühlten und von nun an Nirwana nannten. Innerlich bereichert, äußerlich verlottert, fanden fast alle früher oder später wieder den Weg in die BRD, die meisten sogar ins Berufsleben. Um aber auch daheim der Ferne nahe sein zu können, versenkte man sich in Yoga-Übungen, verhalf reisenden Gurus zu beträchtlichem Einkommen oder unterstützte großzügig bürgerkriegsgeschädigte Afrikaner, türkische Erdbebenopfer, patenschaftssuchende asiatische Kinder oder den World Wildlife Fund. Wenn die sozialen Organisationen bettelten, ließen sich die Deutschen den Ruf, Weltmeister im Spenden zu sein, von keinem anderen Volk streitig machen. Ganz nebenbei diente der tiefe Griff in den privaten Geldbeutel auch dazu, vielleicht einen Platz, wenn auch nur in den hinteren Rängen der guten Erdbewohner einnehmen zu dürfen, obwohl doch bereits die Regierung für angebliche deutsche Schuld reichlich Ablaßzahlungen nach dem globalen Gießkannenprinzip verteilte. Heute, da sein Land wirtschaftlich und mental am Boden liegt, wird manchem körperlich und geistig verfetteten Deutschen klar, daß es weder in der BRD noch in der DDR je eine Nachkriegszeit gegeben hat, sondern der Vernichtungsfeldzug gegen das deutsche Volk seit 1945 unvermindert anhält; will er überleben, bleibt ihm nichts anders übrig, als abzuspecken, den Feind zu orten und den Kampf aufzunehmen. |
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| Annemarie Paulitsch |
11.03.2004 |